Wir Alleinerziehenden

Es liegt nicht an den Themen, dass ich hier nicht so oft blogge, sondern an der Zeit. Meine oberste Priorität ist die wunderbarste Tochter der Welt, dann wären da noch Job, Freunde, Reisen, Hobbys und so weiter. Aber Zeit ist ja bei allen Eltern, vor allem bei alleinerziehenden, knapp. Was mir beim Surfen in der Blogosphäre auffällt, ist, dass es im Netz so viele Klagen von Alleinerziehenden gibt. Am heftigsten fand ich den Vergleich mit 20 Jahren Gefängnis. Klar, publikumswirksam formuliert, aber dennoch hart. Auch sonst dominiert bei den Alleinerziehenden im Netz die negative Einschätzung der Familiensituation, zum Beispiel hier oder hier.

Als ganz allein Alleinerziehende (also ohne Unterhalt, ohne Wochenendvater) müsste ich dann eigentlich noch mehr jammern. Aber mir ist gar nicht nach Jammern, obwohl ich durchaus harte, anstrengende Phasen hatte und habe. Anstrengend ist es, krank allein mit Kind im Trotzalter zu sein, seine Sorgen mit niemandem teilen zu können, wenn das Kleinkind nächtelang fiebert oder es in die Notaufnahme muss, nicht zu notwendigen Weiterbildungen zu können, weil die immer abends sind (und Babysitter zu teuer oder zu unzuverlässig sind oder das Kind bei Fremden nicht einschlafen kann), nicht zum Sport gehen zu können (weil: siehe Weiterbildungen), immer, wirklich immer, 24 Stunden lang an 365 Tagen im Jahr Mutter und allein in der Verantwortung zu sein.

Ich spreche diesen Frauen ihre Überforderung nicht ab. Sie ist real. Und es ist gut, dass sie darüber sprechen und nicht mit allerletzer Kraft weiter funktionieren, sondern die Öffentlichkeit suchen und Unterstützung einfordern. Denn die gesellschaftliche Akzeptanz der gar nicht so seltenen Familienkonstellation Alleinerziehende ist nach wie vor gering, wie sich unter anderem an der steuerlichen Behandlung zeigt.

Warum habe ich trotzdem das Bedürfnis, mich von dem allgemeinen Jammern distanzieren zu wollen? Weil ich mir diese Familiensituation so ausgesucht habe. Es war meine Entscheidung. Als ich mich dafür entschieden habe, als Single Mutter zu werden, war mir klar, dass ich allein verantwortlich sein werde. Ich hatte mich vor der Schwangerschaft von dem romantischen Idyll einer perfekten Bilderbuchfamilie verabschiedet. Und das macht den Unterschied zu den unfreiwillig Alleinerziehenden aus. Sie wollten ihre Kinder gemeinsam mit ihrem Partner aufziehen und dann kam die Trennung, der Streit um den Unterhalt, die Notwendigkeit, sich plötzlich allein kümmern zu müssen, ohne das so gewollt oder geplant zu haben.

„Wir Alleinerziehenden“ gibt es nicht. Es gibt so unterschiedliche Alleinerziehende. Manche Frauen bezeichnen sich als alleinerziehend, weil sie allein mit den Kindern zu Hause sind und der Mann immer weg ist zum Arbeiten. Sie vernachlässigen dabei, dass sie durch die Arbeit des Mannes finanziell abgesichert sind und der Mann viele Entscheidungen mitträgt. Als Alleinerziehende bezeichnen sich auch viele, die ein Wechselmodell leben, bei dem die Kinder fast die Hälfte der Zeit bei dem anderen Elternteil leben – und vernachlässigen dabei, dass sie an diesen Tagen in Ruhe auftanken können, Freizeit haben, Berufliches nachholen oder Dates haben können. Dann gibt es die Alleinerziehenden, bei denen sich der Expartner zwar nicht beteiligt, aber immerhin Unterhalt zahlt und so zur finanziellen Entlastung beiträgt. Und dann gibt es die allein Alleinerziehenden, zu denen auch ich gehöre.

Dennoch jammere ich nicht. Ich wusste im Großen und Ganzen, was auf mich zukommen würde. Manchmal bedaure ich es, dass ich auf etwas verzichten muss, spontane Reisen oder Verabredungen, Weiterbildungen abends oder am Wochenende, aber diese Momente sind kurz. Manchmal fehlt mir die Kraft für banale Dinge. Manchmal bin ich wütend, weil die Tage zu kurz sind und die Energie nicht reicht. Doch ich setze Prioritäten. Wenn Zeit und Kraft fehlen, arbeite ich eben ein paar Stunden weniger und verzichte auf die neuen Schuhe, oder ich lasse am Abend den Haushalt Haushalt sein und gehe lieber eher schlafen. Ich stehe dazu, nicht immer erreichbar zu sein, meine Websites mal eine Weile zu vernachlässigen oder ungeputzte Fenster zu haben. Meine Priorität ist und bleibt die wunderbarste Tochter der Welt, die inzwischen sowieso schon selbstständig genug ist, um meine Freiräume wieder wachsen zu lassen.

Entspannte Kinder brauchen entspannte Eltern.

Wie ist das bei euch? Als gewollt oder ungewollt Alleinerziehende? Als alleinerziehende Einzelkämpferin oder als Alleinerziehende mit Großeltern oder anderen Unterstützern in der Nähe? Jammert ihr und spielt den Alleinerziehendenbonus? Oder beißt ihr euch durch, egal wie es euch geht?

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